Slowflowers – Schnittblumen ohne Gift und Plastikhülle

Säen, umgraben, bewässern, düngen, Unkraut jäten – eine zunehmende Schar meist junger Gärtnerinnen – auf neudeutsch Farmerfloristinnen – erkämpfen sich eine Nische im Blumenmarkt, indem sie Schnittblumen nach nachhaltigen Kriterien anbauen – ohne den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden – im Einklang mit der Natur. Die Floristinnen im Slowflowers-Netzwerk verzichten auf Plastik und Steckschaum und verkaufen ihre floralen Gestecke und Sträuße in ihrer Region.

Gibt es eine neue Flowerpower-Bewegung? Ja die gibt es – und sie blüht auch längst nicht mehr im Verborgenen. Die Floristinnen, Gärtner- und Farmerinnen, die sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen haben, erregen viel Aufmerksamkeit in den Medien und haben tatsächlich viel Power, wenn es darum geht, zu säen, zu jäten und ihre Überzeugung kundzutun, Blumen nach ökologischen Kriterien aufzuziehen. Sie haben sich in einem Verbund namens „Slowflowers“ zusammengeschlossen, angelehnt an den Begriff „Slow Food“, bei der regionale und saisonale Lebensmittel verwertet, mit Muße zubereitet und genossen werden. Übertragen auf die Slowflowers-Bewegung geht es den Floristen und Farmerinnen darum, Schnittblumen auf kleinen Flächen nachhaltig anzubauen – also ohne den Einsatz von Pestiziden und „im Rhythmus der Natur“. Das heißt, in den Gärten der Slowflowers-Aktivisten blüht es von Frühjahr bis Herbst – im Winter werden getrocknete Blumen und Steckgebinde verkauft oder Blumen, die auch im Winter blühen wie die Christrose oder Amaryllis.

So schön sind die Ergebnisse des Gärtnerns ohne Pestizide und im Rhythmus der Natur

Die Gärtnerinnen im Verbund verwenden möglichst biologisches Saatgut und verzichten auf giftigen Pflanzendünger, Herbizide und Pestizide. Die selbständigen Flowerfarmer:innen richten ihr Augenmerk auf das Drumherum beim Binden, Stecken und dem Verkauf ihrer Blumen. Das bedeutet, die Blumen werden nicht in Plastik verpackt, sondern in Papier und wer sich für einen Strauß entscheidet, bringt keine unliebsame Mitbringsel mit heim. Denn wer am Valentinstag schnell beim Discounter den in Plastik verpackten Strauß Tulpen mitnimmt, schenkt seinem Lieblingsmenschen sehr wahrscheinlich einen ganzen Giftcocktail mit dazu. Vor allem Rosen – die Lieblingsblumen der Deutschen – weisen oft hohe Konzentrationen von Pestiziden auf, so sie aus afrikanischen Ländern stammen. Hinzu kommt, dass solch ein Strauß einen gehörigen CO2-Fußabdruck hat. Um sich einmal die Mengen vor Augen zu führen: 2021 wurden rund 1,16 Milliarden Stück Rosen aus den Niederlanden importiert. Aus Kenia wurden 336 Millionen Stück eingeführt.

Blumen im Garten von Chantal Remmert und ihrem Unternehmen Erna Primula – Blumen Studio wachsen und gedeihen in einem ursprünglichen Lebensraum

Mengenmäßig kann es die Slowflowers-Bewegung damit noch nicht aufnehmen; aber die Zahl der Mitglieder wächst seit der Gründung 2019 stetig. Heute sind es bereits 170 Mitglieder im deutschsprachigen Raum. Und was sie an Fläche weniger haben, gleichen sie mit Engagement aus. Das spürt man sehr deutlich, wenn man sich mit den Farmerinnen und Floristinnen unterhält – 90 Prozent im Netzwerk sind tatsächlich Frauen. Viele von ihnen wagen etwa nach ein bis eineinhalb Jahren den Schritt, das „langsame Gärtnern“ zum Hauptberuf zu machen.

Auf einer interaktiven Karte auf der Website www.slowflower-bewegung.de lässt sich schnell herausfinden, welche Gärtnerei in der Nähe nach ökologischen Kriterien arbeitet und Blumen anbietet, die in einem ursprünglichen, giftfreien Lebensraum gewachsen sind, in denen sich auch Bienen und andere Insekten tummeln.

Chantal Remmert macht es vor: den Kreislaufgedanken vorbildlich umsetzen

Ein Stückweit bekannt gemacht hat die Bewegung in Deutschland die „Farmerfloristin“ “ Chantal Remmert mit ihrem Unternehmen Erna Primula – Blumen Studio. Sie ist eine der Gründerinnen der Bewegung und mittlerweile fungiert sie als eine von zwei Pressesprecherinnen der Slowflowers-Bewegung in Deutschland. 2016 hatte Remmert in Leipzig angefangen, Pflanzen selbst anzubauen und ein nachhaltiges Blumenstudio ins Leben gerufen. Inspiriert wurde die studierte Landschaftsarchitektin von der Bewegung, die es in den USA schon seit 2007 gibt. Sie erzählt: „In der Anfangsphase dachte ich, in Deutschland bin ich die einzige. Zwar gab es in Italien, Frankreich und Großbritannien ähnliche Bewegungen, aber hier fühlte ich mich als Pionierin. 2019 waren wir zu siebt, als wir die Slowflowers-Bewegung im deutschsprachigen Raum gründeten.“

Die Farmerfloristin Chantal Remmert in ihrem Element

Seit Anfang des Jahres lebt Chantal Remmert wieder nahe bei der Familie im baden-württembergischen Schwäbisch Hall. Auf knapp 2.000 Quadratmeter baut sie Blumen und Pflanzen an und lebt den Kreislaufgedanken bis ins letzte Detail. „Ich möchte wirklich vom Saatgut über die Aufzucht bis hin zum Verkauf alles nachhaltig gestalten“, sagt sie. Das bedeutet, dass sie für ihre ausgefeilten Steckgebinde und Blumenarrangements keinen Steckschaum benutzt. Auch der Einsatz von Heißklebepistole und Plastikklebeband sind tabu. Sie betont, dass alle Materialien daraufhin überprüft werden, ob sie wiederverwendbar, recycelbar oder kompostierbar sind. Es gibt mittlerweile sogar Gummibänder, die verrotten, erzählt sie.

Für den Transport werden die Blumen in Zeitungspapier gehüllt oder in Recycling-Papier, das nachhaltig produziert wurde, und mit Lastenrädern ausgeliefert. Bei ihr bekommt man auch nur Schnittblumen, die gerade Saison haben. Im Winter gibt es Trockenblumen, Adventskränze und Silvesterschmuck: www.erna-primula.de

Die Art und Weise, Pflanzen nachhaltig großzuziehen ist zukunftsfähig – davon ist sie überzeugt und erläutert weiter: „Betriebswirtschaftlich gesehen trifft uns zum Beispiel jetzt der starke Anstieg der Energiepreise weniger hart als konventionelle Gärtnereien, die Gewächshäuser beheizen müssen.“ Insgesamt eint die Mitglieder der Slowflowers-Bewegung, dass sie überzeugt davon sind, das Richtige zu tun und daher haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, weitere Akteure der überwiegend noch konventionell arbeitenden Floristenbranche zum Nachmachen zu inspirieren. Mittels Workshops oder zum Beispiel mit einem Buch.

Anleitung zum DIY-Gärtnern – das Buch zur Bewegung

Im Februar dieses Jahres hat der Schweizer Haupt Verlag ein Gartenbuch zum Thema herausgebracht. Die Texte stammen von Chantal Remmert, die Fotos von Grit Hartung. „Slowflowers – Wilde Gärten & ungezähmte Bouquets“ soll als „Do-It-Yourself“-Inspiration dienen für all jene, die gerne selbst Beete anlegen und Blumen nachhaltig großziehen wollen. Das Buch wird dominiert von den großformatigen wunderschönen Bildern von Blüten und Blumengestecken in Großaufnahme. Doch zuerst geht es informativ los mit allerlei Grundlagen und Tipps; Botanik-Begriffe und Wissenswertes rund um Klima, Bodenvorbereitung und Gartenmanagement werden erläutert. Besonders gut gefallen mir die einleitenden Fotos der Stielwerkzeuge, Handwerkzeuge und Chantals Lieblingsvasen, die Lust machen beim nächsten Flohmarkt-Besuch genau danach zu suchen. Eine Übersicht über die nachhaltigen Werkstoffe zeigt, dass es keinerlei Plastikutensilien bedarf, um Blumen zu einem Strauß oder Gesteck zu binden.

Chantals Werkstoffe (v.l.n.r.): Kranzunterlage aus Metall, Rebschere, kompostierbarer Jute-Draht, Papierklebeband, Klebewachs, Blumenigel, Naturbast, Hasendraht. Aus: „Slowflowers: Wilde Gärten & ungezähmte Bouquets“

Die Fotos sind so schön, dass sie sogar in ein Coffee-Table-Buchformat passen würden. Der Anspruch der Autorin ist es jedoch, keinen reinen Bildband vorzulegen, sondern ein Gartenbuch in einem Format zum Mitnehmen, und das auch gut Platz findet auf dem Gartentisch im Schrebergarten.

Viele Fotos haben etwas Meditatives und es macht auch Spaß, es durchzublättern, wenn man keine Hobby-Gärtnerin ist oder Ambitionen hat, in den nachhaltigen Blumenanbau einzusteigen. Einzig die kursive, schnörkelige Schriftart der Überschriften, die zwar sehr dekorativ ist, könnte insbesondere bei den Blüh- und Erntekalendern am Ende des Buches etwas besser lesbar sein.

Erfreulich ist auch, dass sich der Nachhaltigkeitsanspruch der Slowflowers-Initiative auch im Buchprojekt niederschlägt. So wird etwa auf eine – leider noch immer übliche – Plastik-Umverpackung verzichtet und der Druck erfolgt in Deutschland mit veganen, erdölfreien Farben auf 100% Recyclingpapier.

Fazit:

Die LeserInnen müssen wahrlich keinen grünen Daumen haben, um sich an diesem floralen Streifzug durch Chantals Garten zu erfreuen. Handwerklich begabte können sich, wenn die Feiertage nahen, vom festlichen Centerpiece inspirieren lassen. Botanische Laien erhalten ein Grundlagenbuch und angehende Selfmade-Farmer- und -Floristinnen eine Handlungsanleitung zum nachhaltigen Gärtnern. Und nicht zuletzt regt das Buch an, sich vor dem nächsten Blumenkauf auf der Slowflowers-Seite umzusehen, wo sich der nächstgelegene Mitgliedsbetrieb dieser tollen Initiative befindet.

Chantal Remmert, Grit Hartung
Slowflowers: Wilde Gärten & ungezähmte Bouquets
224 Seiten, 200 Farbfotos, gebunden CHF 40.00 (UVP) / EUR 34.00
ISBN 978-3-258-08293-6
Haupt Verlag
Erscheinungstermin: 14. Februar 2022
Fotos: fotostoff/Grit Hartung

Text:
Susanne Frank
Bilder; fotostoff, Grit Hartung

Links:

www.slowflower-bewegung.de

www.erna-primula.de

Geschrieben von
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