Der höchste Berg Südsloweniens trägt den schönen Namen Snežnik, auf Italienisch Monte Nevoso oder Deutsch: Krainer Schneeberg. Die knapp 1800 Meter hohe Kuppe ragt hoch über die Waldrücken der Umgebung empor. Von seinem baumlosen Gipfel sind sowohl das Meer und die Inseln in der Kvarner Bucht als auch die Gipfel der Julischen Alpen zu sehen. Und: Der Blick über die riesigen, geschlossenen Wälder der südslowenischen Kämme ist ein besonderes Erlebnis.
In dem Gebiet leben mehrere Hundert Braunbären. Die launischen Zotteltiere wissen warum: Hier gibt es noch riesige, einsame, ungestörte Waldflächen, einige davon sind sogar Urwälder.
In Slowenien hat man schon früh erkannt, dass Urwälder mehr Nutzen stiften, wenn sie bewahrt werden und (zumindest an ihren Rändern) besucht werden können. Kein anderes Land der EU bietet vergleichbare touristische Angebote. Das wollte ich erkunden. Daher bin ich im Herbst 2025 nach Slowenien aufgebrochen.
Nach einer Nacht im entlegenen Waldgasthof Gostišče Mašun (mit deftigen Spezialitäten aus dem Wald) treffe ich Matej Kržič, der hier als Guide und Höhlenforscher tätig ist. Über schmale Waldstraßen fahren wir bergan, durch immer uriger werdenden Buchenwald. Unterhalb aus dem Wald ragenden, felsigen Gipfelaufbaus des Snežnik, in der Kampfzone des Waldes, liegt das Urwald-Gebiet Zdrocle. Das ist unser Ziel. Seit 2017 ist das Waldreservat Snežnik sogar als UNESCO-Weltnaturerbe ausgewiesen.

Genau genommen ist der höchst eigentümliche, knorrige Buchenwald mit seinen schlangenartigen Stämmen teilweise zwar kein echter Urwald, sondern durch Verwaldung aufgelassener alter Almwiesen entstanden. Doch das tut seiner (wieder erstandenen) Artenvielfalt und Faszination keinen Abbruch.
Matej erklärt, dass in vielen der Dolinen, den oft talgroßen Karstsenken, die die Hänge des Snežnik durchsetzen, noch kleinräumig uralte Baumbestände wachsen - weil sie in den steilen Löchern für Menschen früher kaum erreichbar waren.
Wir steigen in einen der wilden Wald-Abgründe hinab und dringen in eine Anderswelt vor, die noch kaum jemals forstlich ausgebeutet worden war. Hier erheben sich altehrwürdige, moosige Buchen und Fichten über den schwindelerregenden Abgründen der Doline. Diese verborgenen Winkel sind oft auch Rückzugsorte für Bären. Also sind wir auf der Hut. Aber die Bären zeigen sich heute nicht.
Später, weiter oben, erreichen wir das UNESCO-Reservat. Im strengen Schutzgebiet gibt es ein Wegegebot, also folgen wir brav dem markierten Pfad. Deutlich ist der Unterschied zwischen den Urwaldresten und dem sekundären Buchenwald auf den ehemaligen Almwiesen erkennen: Die Urwaldbuchen sind dicker, knorriger und nicht alle gleich alt.
Wilde Buchenwälder haben vor dem Vordringen der Menschen vor 6000 Jahren weite Teile des europäischen Kontinents geprägt. Heute ist von der alten Buchen-Waldwildnis nicht mehr viel übrig: Ursprüngliche Buchenwälder muss man fast mit der Lupe suchen. Dies bewog die UNESCO, die wertvollsten Buchen-Ur- und Altwälder in einem transnationalen, vielteiligen Weltnaturerbe zu bewahren. Der riesige Schutzgebietskomplex umfasst heute 93 Teilgebiete in 18 Ländern, die unter dem Schutz der Menschheit stehen.
Im waldreichen Slowenien, das auch als vorbildhafter Pionier der naturnahen Waldbewirtschaftung und des Waldschutzes in Europa gilt, haben gleich mehrere Urwälder bis heute überlebt. Neben dem Reservat Zdrocle hat es auch der südslowenische Urwald Krokar auf die UNESCO-Liste geschafft.
Nach einem Kurzbesuch des Cerknica-Sees, einem saisonal auftretenden Karstsee, erreiche ich weiter nordöstlich das ehemals deutschsprachige Gottscheer-Land rund um die Kleinstadt Kočevje. Dort befinden sich etliche weitere Waldjuwelen und riesige, sehr naturnahe Wälder, vor allem Buchenmischwälder. Wanderwege führen an den Rand der Urwaldreservate Krokar und Rajhenavski rog (Reichenauer Urwald). Die Entvölkerung des Gottscheer-Landes im und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie das militärische Sperrgebiet um Gotenica sind auch - tragische - Gründe für die Naturnähe der Wälder im Südostwinkel Sloweniens.

Meine Wildnisbegleiterin heißt Petra Draškovič Pelc. Sie ist eine der führenden Naturfotografinnen Sloweniens und kennt die wilden Wälder wie ihre Westentasche. Petra erwartet mich im charmanten Hostel Bearlog, dem ersten Hostel in der Region Kočevsko, direkt im Zentrum von Kočevje. Hier werde ist auch die nächsten Tage übernachten.
Das freundliche Hostel ist in einem renovierten Haus mit reichhaltiger Geschichte untergebracht und wird vom Tourismusverband betrieben, um so den Naturtourismus in der Region mit einem hochwertigen Quartier zu unterstützen. (Es führt das internationale „Travelife-Umweltzeichen“ sowie das Label „Slovenia Green Accommodation“.) 30 Betten in 8 thematisch eingerichteten Zimmern, die nach Bäumen und Tieren benannt sind, ermöglichen einen angenehmen Aufenthalt, der auch gleich mit Fotos und Infos in die waldige Abenteuerwelt vor der Haustür einführt.
Die konsequente touristische Hinwendung der Region Kočevsko zum Thema wilde Natur, Urwälder und Bären‘ ist einmalig in Europa: Unter dem Motto „the secret forest“ („der geheimnisvolle Wald“) werden die besonderen Naturwunder der Region ausgelobt und über buchbare Packages und Touren zugänglich gemacht. Hier ist man offenkundig stolz auf die geschützte Natur und ihre enorme Vielfalt. Und die sympathische und engagierte Petra ist als erfahrene Natur- und Fotoführerin die beste Adresse, um die fantastische Natur in der Region Kočevsko zu erleben.

Gleich nach der Begrüßung packt mich Petra in einen Wagen des Tourismusverbandes und chauffiert uns zum etwa 40 Minuten entfernten Urwald Krokar, fast an der Grenze zu Kroatien. Nach einem Picknick (mit regionalen Spezereien) brechen wir auf in den Zauberwald. Das etwa 75 Hektar große Urwaldreservat ist ebenfalls als UNESCO-Weltnaturerbe ausgewiesen und darf nicht betreten werden. Das schmälert das urige Walderlebnis aber nicht.
Rund um das strenge Schutzgebiet wurde nämlich eine Pufferzone eingerichtet, die nahezu unberührte Altwaldreste mit riesigen Tannen und Buchen umfasst. Und da dürfen wir rein. Der Naturlehrpfad „Borovška naravoslovna učna pot“ führt uns mitten in diese moosig-schummrige Anderswelt. Wälder wie diese gibt es in Europa kaum mehr: Wir gehen andächtig durch einen der letzten Wälder am „alten Kontinent“, der sich seit der letzten Eiszeit weitgehend frei und unbeeinflusst von Menschen entwickeln konnte. Diese ‚unzivilisierte‘ Vergangenheit ist dem Wald anzusehen: Unterschiedliche große und alte, teils bereits abgestorbene Buchen, Tannen und Ahorn-Individuen strecken sich hoch hinauf in das Kronendach. Es herrscht ein herzerfrischendes Durcheinander aus Formen und Grüntönen. Typisch ist auch der Duft, nach Pilzen, Moos und Moder. Riesige Baumleichen werden von Moosen, Pilzen und Insekten als Nahrung und Lebensraum genutzt. In Urwäldern, die sich vom Menschen unbeeinflusst entwickeln können, findet sich eine enorme Artenfülle. Dafür sind vor allem die alten Bäume (oft 200-300 oder mehr Jahre alt), mit ihren Höhlen und Spalten, und das stehende und liegende Totholz ausschlaggebend. Totholz und Baumveteranen sind in Wirtschaftswäldern aber kaum mehr zu finden, weil die Bäume meist schon im Jugendalter von 80-100 Jahren geerntet werden.
Andächtig steigen wir den Hang hinauf zum felsigen Gipfel des Cerk, wo Lücken im Wald Ausblicke auf die umliegenden Waldrücken ermöglichen. Monumentale Altbuchen wachsen seit Jahrhunderten an den Flanken rund um den kleinen Gipfelaufbau. Baumschwämme und üppige Moospolster verzieren die Baum-Methusalems. Tote Bäume vergehen langsam, werden wieder zu Humus und „versinken“ sukzessive im dicken, weichen Urwaldboden.
Nach intensivem Fotografieren lauschen wir dem uralten Wald. Der Wind rauscht durch die mächtigen Baumkronen und Schwarzspechte tun, was sie nicht lassen können.
Die slowenische Tourismuszentrale hat das Erlebnis „Die Geheimnisse des UNESCO-Urwalds Krokar” mit dem Label „Slovenia Unique Experience” als eines der 5-Sterne-Tourismusangebote in Slowenien ausgezeichnet. Zurecht, wie wir „live“ erfahren.

Es wird Abend. Petra zeigt mir einen anderen, magischen Ort: Ein Felsbalkon (Loška stena ) im struppigen Hangwald, hoch über dem Tal der Kolpa (Kupa in Kroatien), dem Grenzfluss zu Kroatien. Bis zum Horizont stapeln sich die abendlich-blauen Silhouetten der Waldhänge übereinander. Menschliche Spuren sind kaum zu sehen. Es ist wie ein Blick zurück in Zeiten vor der menschlichen Besiedelung Europas. In Slowenien und Kroatien sind flächige Kahlschläge im Karst ein No-Go, um Bodenerosion zu vermeiden. Daher wirkt der Wald lückenlos und nahezu unberührt. Kurz bevor die Schatten der Nacht aus dem engen Tal hochsteigen, bricht die Sonne noch einmal durch die Abendwolken und ‚entzündet‘ die Szenerie mit sachten Rottönen.

Nach den Mühen der Wanderungen bringt mich Petra zu einem tief im Wald gelegenen touristischen Bauernhof Padovac. Die freundliche Hausherrin erwartet uns schon mit einem deftigen Abendessen - köstliche, selbst hergestellte Würste mit Kraut und Kartoffeln.
Nördlich von Kocevje erstreckt sich ein riesiges Waldgebiet, das einige der schönsten Urwaldreste Sloweniens beherbergt: Der „Reichenau Urwald“ (Rajhenavski rog) und der kleine, dschungelartige Urwaldrest Prelesnikova koliševka tief in einer unzugänglichen Doline. Rajhenavski Rog wurde 1892 zum ersten Naturschutzgebiet Sloweniens und zum zweiten Naturreservat weltweit erklärt, nur 20 Jahre nach dem berühmten Yellowstone-Nationalpark. Der Förster Dr. Leopold Hufnagl hatte damals den Grundstein für den modernen Naturschutz in der Region Kočevje (Gottschee) gelegt: er verfügte im Forsteinrichtungsplan für die Besitzungen des Herzogs Auersperg, einigeWaldabschnitte von der Bewirtschaftung völlig auszunehmen. Damit wollte er "Urwald für künftige Generationen" erhalten.
Das 75 ha große strenge Schutzgebiete darf nicht direkt betreten werden, aber der Wanderweg „Rog“ („Roška pešpot“, Bärentatzen-Symbol) führt durch eine ebenfalls reichlich urige Pufferzone bis an die Grenze des verwunschenen Waldes. Der Urwald ist eine Welt für sich. Wir lauschen dem Wald (sehr viele Spechte kommunizieren im Geäst) und geben uns dem Rausch des kreativen Fotografierens hin. Was für ein faszinierender Ort! Und was für ein Glück, dass es diesen wilden Wald noch gibt und dass wir ihn erleben können! Die Schöpfung ist hier unmittelbar spürbar. Eine sehr spirituelle Erfahrung.

Unweit des Reichenauer Urwaldes ragt die „Königin von Rog“ in den Himmel. Dabei handelt es sich um um die 55 Meter hohe Riesentanne, ebenfalls eine „Überlebende“ der einst gebietsbeherrschenden Urwälder. Petra stellt sich neben das gewaltige, viele Jahrhunderte alte, hölzerne, Lebewesen - und wirkt sehr winzig.
Zum Abschluss meiner Walderlebnis-Tour durch Slowenien lotst mich Petra zum 15 ha kleinen, aber nicht minder faszinierenden Urwald Strmec. Auch hier besiedeln teils biblisch alte Buchen und Tannen den steilen Hang unterhalb einer Forststraße, die uns Einblick in das strenge Reservat gibt. Ich denke: So hat der Herrgott (oder, wer will, das Universum, die Evolution), den Wald geschaffen. Hier sind wir auf Tuchfühlung mit wahrlich „heiligen“ Orten, an denen noch das volle Spektrum der Schöpfung lebt, gedeiht - und uns berührt.
Leider sind unsere „echten“ Wälder fast zur Gänze dem Willen der Menschen und ihrer Nutzungsansprüche zum Opfer gefallen.
Umso wertvoller sind die Urwaldreservate von Kocejve - und die besonders naturnahe Bewirtschaftung rundherum, die auch den Wirtschaftswäldern erlaubt, sich der Vielfalt und dem Reichtum der Urwälder anzunähern. Es ist sehr zu wünschen, dass viele Menschen die „geheimen Wälder“ bei Kocevje erleben und ihr „göttliches“ Wesen erfahren. Weil: Wir müssen auf unsere Wälder besser aufpassen. Von den Urwäldern können wir lernen, was intakte Wälder brauchen und wie wir ihre Reichtümer möglichst wenig destruktiv nutzen dürfen.
Tipps
Anreise
PKW: Über Österreich (A10, A2) nach Ljubljana und die Regionalstraße 106 bis Kocevje.
Bahn: Internationale Verbindungen nach Ljubljana, dann weiter mit Regionalbahnen (Umsteigen in Grosuplje) nach Kocevje.
Flugverbindungen: nach Lubljana
Informationen über Riesen nach Slowenien, die „geheimnisvollen Wälder“ und touristische Angebote:
Unterkunft
Snežnik-Gebiet:
Gostišče (Gasthaus) Mašun 1, SI-6253 Knežak, Slovenia
Contact in Gostišče Mašun is Mitja Bolčina
Tel +386 31 623 053 or
+386 51 661 611
Region Kočevsko:
Hostel Bearlog
https://www.kocevsko.com/de/poi/hostel-bearlog
Address: Ljubljanska cesta 4, 1330 Kočevje
Phone: +38631544744 e-mail: hostel.bearlog@kocevsko.com
Padovac Tourist Farm
https://www.kocevsko.com/de/poi/touristischer-bauernhof-padovac
Der Bauernhof ist ein traditionsreiches Anwesen in der Gemeinde Kostel, das umfassend revitalisiert wurde. Er liegt hoch über dem Kolpa-Tal, in idyllischer Natur.
Rajhenav Bauernhof
https://www.kocevsko.com/en/poi/farm-rajhenav
Der Bauernhof Rajhenav liegt im gleichnamigen Dorf im Herzen der Wälder von Kočevje - unweit des Reichenauer Urwaldes. Er bietet Besuchern eine Mischung aus traditioneller Landwirtschaft (Viehzucht - Limousin Rinder, Pferde, Ziegen, Esel… - und Imkerei) und Tourismus (Gastronomie und Übernachten).
Gastronomie
Gostišče (Gasthaus) Mašun
Mašun 1, SI-6253 Knežak, Slovenia
Das einsame Gasthaus im Wald ist weithin bekannt für seine Wildgerichte.
Padovac Tourist Farm
https://www.kocevsko.com/de/poi/touristischer-bauernhof-padovac
Der Bauernhof ist ein traditionsreiches Anwesen in der Gemeinde Kostel, das umfassend revitalisiert wurde. Er liegt hoch über dem Kolpa-Tal, in idyllischer Natur.
Rajhenav Bauernhof
https://www.kocevsko.com/en/poi/farm-rajhenav
Der Bauernhof Rajhenav liegt im gleichnamigen Dorf im Herzen der Wälder von Kočevje. Er bietet Besuchern eine Mischung aus traditioneller Landwirtschaft (Viehzucht - Limousin Rinder, Pferde, Ziegen, Esel… - und Imkerei) und Tourismus (Gastronomie und Übernachten).
Falkenav Restaurant
Mahovnik 90, 1330 Kočevje
Tel.: 0038618931850
https://www.kocevsko.com/sl/poi/falkenau
Restaurant in Kocevje, bekannt für Wildfleisch-Spezialitäten und hausgemachte Suppen.
Die Reise fand mit freundlicher Unterstützung des Slowenischen Fremdenverkehrsamtes statt.
Wer noch weitere Urwälder erleben will, etwa in Rumänien, kann sich hier informieren: www.primaryforests.org



