Sie fällt auf, und zwar nicht allein durch Ihre außergewöhnliche Wuchshöhe, die zwei Meter oder mehr betragen kann, sondern auch durch ihre einzigartige Erscheinung. Die Wilde Karde (Dipsacus fullonum) ist eine distelähnliche zweijährige Staude, die einzeln, zumeist aber in größeren Beständen an feuchten, meist sonnigen Stellen wie Überschwemmungsflächen oder Ufern, an Wegen und am Rand von Weiden wächst. Und nicht zu vergessen, zunehmend auch in Gärten von Naturfreunden, die ihren dekorativen und ökologischen Wert schätzen.
Merkmale
Im ersten Jahr bildet die Wilde Karde lediglich eine flache, kräftige Blattrosette aus. Statt in einen Stängel „investiert“ sie ihre Kraft zunächst in eine tiefe Pfahlwurzel, um für das Wachstum im zweiten Jahr an ausreichend Wasser und Nährstoffe zu gelangen. Ihre bis zu 30 Zentimeter langen, lanzettförmigen Blätter sind mit einer kräftigen Mittelrippe und zahlreichen 1-5 Millimeter langen Stacheln versehen, die auch auf dem Stängel sitzen.
Unverwechselbar ist die Pflanze durch ihren 5-10 cm hohen, eiförmigen bis zylindrischen bzw. walzenförmigen Blütenkopf. Dieser ist von ebenfalls stacheligen, nach oben gerichteten Hüllblättern umgeben und zeigt von Juni/Juli bis August kleine lila-, selten rosafarbene Röhrenblüten. Diese verlaufen ringförmig in einem oder zwei Kränzen, die in der Mitte des Kopfes beginnen und sich langsam nach oben und unten ausbreiten.
Die Pflanze bildet an ihren am Stängel gegenständig verwachsenen Blättern ein „Phytotelma“, ein kleines Sammelbecken, in dem Regenwasser und Tau aufgefangen wird. Der Begriff Phytotelma, der sich aus den altgriechischen Bezeichnungen für Pflanze und Pfütze herleitet, steht für kleine Wasseransammlungen, die sich in einer Vertiefung von Pflanzen bilden. Diese können sich z.B. auch in Astlöchern befinden.

Anwendungen in der Volksheilkunde
Die Wilde Karde ist reich an Saponinen, Bitterstoffen, Terpenen und Glykosiden. Folglich verwundert es nicht, dass sie bereits im Altertum als Heilpflanze bei Hautirritationen, als Einreibung bei Schmerzen, zur Verdauungsförderung und als schweiß- und harntreibendes Mittel geschätzt wurde. Auch später finden sich in den Kräuterbüchern des Mittelalters zahlreiche Anwendungen. So wurden die getrockneten, zu Tee und Tinkturen verarbeiteten Wurzeln insbesondere als Mittel gegen Gicht, Rheuma, Gelbsucht und diverse Hauterkrankungen/-verletzungen empfohlen. Sogar das sich in der Phytotelma angesammelte Wasser kam bisweilen als Augenwasser oder als Destillat zum Spülen des Mundes bei Mundfäule zum Einsatz. In der Homöopathie wird eine alkoholische Urtinktur sowie daraus hergestellte Globuli gegen Warzen, Akne und kleine Hautwunden verwendet.
Fragwürdig: Textile Verwendungen
In manchen Quellen finden sich Hinweise, dass die getrockneten, stacheligen Blütenköpfe der Wilden Karde früher von Webern zum Aufrauen von Wollstoffen benutzt wurden. Dabei durchbohrte man mehrere Fruchtstände der Länge nach und brachte sie in einer Achse auf einem Gerät an, das rotierend über den Wollstoff geführt wurde. Dadurch erzeugte man eine flauschige, flanellartige Oberfläche. Diese nicht selten zitierte Verwendung trifft jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit eher auf die ähnliche Weber-Karde (Dipsacus sativus) zu. Diese kommt wild nur im westlichen Mittelmeerraum vor und wurde als Kulturform möglicherweise aus der Stachel-Karde (Dipsacus ferox) gezüchtet, die ursprünglich aus Korsika, Sardinien und Süditalien stammt.
Große ökologische Bedeutung
Die Blüten ziehen zahlreiche Insekten an, insbesondere viele Arten von Hummeln und Schmetterlingen sowie langrüsselige Wildbienen. Durch die relativ späte Blütezeit im Hochsommer finden diese an der Karde noch Nektar vor, wenn andere Nährpflanzen bereits verblüht sind.
Die Phytotelma bietet Vögeln und Kleintieren eine willkommene Tränke bei trockenem Wetter, hohle Stängel und alte Blattrosetten Insekten ein Winterquartier. Trockene Samenstände, die bis in den Winter verbleiben, stellen für verschiedene Arten von Vögeln wie dem erwähnten Stieglitz eine wichtige Nahrungsquelle dar.
Bleibt angesichts des Artensterbens zu hoffen, dass immer mehr Gartenbesitzer ein Fleckchen für Wildpflanzen wie die Karde oder den Natternkopf reservieren, um bedrohten Insekten eine Überlebenschance zu sichern. Zudem ist ein Trockenblumenstrauß mit Karden ausgesprochen dekorativ.



