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Bavona - im steinigen „Tal der Resilienz“

Bavona - im steinigen „Tal der Resilienz“

Von der Redaktion·6 Min. Lesezeit

Ein Muss für jeden Tessin-Besucher ist die Erkundung des steilsten und steinreichsten Tals der gesamten Alpen. Seinen Namen erhielt es vom Fluss Bavona, dessen klare Wasser sich in zahllosen Windungen zwischen herabgestürzten Felsbrocken durch den Talgrund schlängeln. Alles andere als „steinreich“ waren indes die frühen Besiedler der Region. Ganz im Gegenteil, das Leben in den 12 Weilern, den „terre“, war extrem hart und entbehrungsreich. In dem einst bettelarmen Bavona-Tal sieht es heute noch weitgehend so aus wie vor Jahrhunderten.

Nach monatelangen Sperrungen ist das Bavonatal seit April 2025 wieder auf ganzer Länge zugänglich, nachdem im Sommer 2024 verheerende Unwetter zu massiven Felsstürzen geführt hatten. Von rund 300 000 Kubikmeter an herabstürzendem Geröll besonders betroffen war der Weiler Fontana, in welchem zwei Menschen ums Leben kamen, sowie drei weitere an anderer Stelle.

Gewaltige, teilweise 15 Meter hohe Felsbrocken donnerten im Jahr 2024 zu Tal und wie hier in das Flussbett der Bavona

Davor war es nahe der Ansiedlung im Jahr 1594 zu einer ähnlichen Katastrophe gekommen. Es wird befürchtet, dass durch die Zunahme von Extremwetter-Ereignissen die Abstände zwischen den Muren-Abgängen künftig deutlich kleiner werden.

Not macht erfinderisch

Der Talgrund entlang der Bavona ist beinahe vollständig von Wald, Stein- und Geröllhalden, Bergsturzablagerungen und Felsen bedeckt. Nur gut drei Prozent der Flächen stehen den Menschen als Wiesen, Weiden und Siedlungen zur Verfügung, lediglich 1,7 Prozent als nutzbare Agrarflächen. Folglich musste jede sich nur halbwegs anbietende Fläche genutzt werden, etwa auch auf mächtigen Felsblöcken, sofern diese oben abgeflacht waren. Zunächst wurden die „pradone“ genannten, großen Felsblöcke nur zur Gewinnung von Baumaterial genutzt oder man legte unter Ihnen Unterfelsbauten an. Ab 1600 wurde schließlich das Recht eingeräumt, sie als Anbauflächen zu nutzen. Sobald der Zustieg über Leitern, natürliche Vorsprünge oder in den Fels gehauene Tritte angelegt war, wurde organisches Material ausgebracht. Dieses bestand aus Erde von Aushubarbeiten für die Unterfelsbauten, aus Streu und Mist aus den Stallungen. Auf den damit geschaffenen, meist umzäunten Flächen, wurden v.a. Kartoffeln, Salat, Zichorien, Zwiebeln und Knoblauch angebaut. In windgeschützten Bereichen gelegentlich auch Stangenbohnen. Die Ernte auf diesen Felsenbeeten fiel zumeist kärglich aus, sicherte aber das Überleben der Bauernfamilien. An manchen dieser „hängenden Wiesen“, so der gebräuchliche Terminus, ist noch heute der Aufwand und die Sorgfalt zu erkennen, mit der sie einst geschaffen und vor plündernden Tieren geschützt worden waren.

Urlauben in den „Rustici“ – Entspannung abseits jeden Trubels

Die Häuser im Tal wurden zumeist im 16. Jahrhundert oder früher aus massivem Granitgestein erbaut und dienten zunächst als saisonale Unterkünfte für Hirten und Bauern. Heute dienen viele der dieser einfachen, aber liebevoll umgebauten Unterkünfte manchen Nachfahren der einstigen Bewohner als Sommersitz oder als authentische Ferienhäuser zur Vermietung, um den Gästen ruhige, alpine Naturerlebnisse zu vermitteln. Noch immer gibt es aus Gründen des Denkmalschutzes in den traditionellen Steinhäusern, den „Rustici“, keinen Anschluss an ein Stromnetz, jedoch nutzen manche Solarstrom zum Betrieb elektrischer Kleingeräte.

Ein Highlight unserer Tour war eine Führung mit Nicoletta Dutly von der "Fondazione Valle Bavona", die uns viele spannende Informationen über die Besiedlung des Tals und die kargen Lebensumstände ihrer Bewohner vermittelte. Die Stiftung engagiert sich nicht nur für die Pflege und den Erhalt der einzigartigen Siedlungen, sondern hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, ein breites Publikum für die Bedeutung der traditionellen alpinen Kulturlandschaft zu sensibilisieren.

Von kundigen Spezialisten wurden Steinmauern zur Begrenzung von Feldern und Wegen errichtet

Die beeindruckenden Welten der „Splüi“

Nicoletta begleitete uns durch zwei Ansiedlungen und zeigte uns einige der insgesamt 400 „Splüi“ im Tal. So werden historische, von Menschen geschaffene Räume unter großen Felsblöcken bezeichnet, die seit Urzeiten als Unterstand, einfache Wohnung, Stall, als Alphütte und Vorratsraum benutzt werden. Zumeist wurden nur Mauern unter mächtigen Steinen errichtet, um die Räume wetterfest zu machen.

Die ältesten dieser Unterfelsbauten dienten den Menschen wohl schon vor über 5000 Jahren als Unterschlupf. Gefundene Holzkohle aus einem Lagerfeuer stammt gemäß dem Ergebnis einer C-14-Analyse aus den Jahren um 2300 vor Christus, also aus der Bronzezeit. 

In manchen Felsenhöhlen wurde „Fiàscia“, ein Brot aus Maroni- und Roggenmehl gebacken

Alles, was im Tal erzeugt wurde, diente ausschließlich der Eigenversorgung, um Handel treiben zu können, warfen die kargen Böden zu wenig ab. Hauptnahrungsmittel war die Esskastanie, die zusammen mit Roggen zu Mehl verarbeitet wurde. Die Wolle der Schafe kam in ein Gemeinschaftswebhaus, das im Aufmacher-Bild des Beitrags zu sehen ist, und wurde von jeder Bauernfamilie separat versponnen. Ziegen lieferten Milch und Fleisch, ebenso wie die wenigen, extrem geländegängigen, kleinen Rinder. Deren Unterstände bzw. Stallungen befanden sich größtenteils unterirdisch in den Splüi, erreichbar oft nur über steile Stufen.

In die Außenwände der „Splüi“ wurden mancherorts Rinnen als Ablaufkanal in den Fels gemeißelt, über die man Wasser auffing. Rechts der Eingang in die „Unterwelt“.

Naturgewalten, Kunst und Kulinarik: nachhaltige Eindrücke von Foroglio

Natürlich ließen wir uns den Besuch des hübschen Örtchens Foroglio nicht entgehen, dessen wenige Häuser des Weilers sich eng um eine im Jahr 1483 erbaute Kapelle gruppieren, in der wir ein Triptychon aus dem Jahr 1553 bestaunten, ebenso ein Gemälde, das die „Jungfrau im Tempel" zeigt.

Bekannt ist das Dörfchen vor allem wegen des Naturwunders des nahen Wasserfalls, der zusammen mit den rustikalen Steinhäusern bereits mehrfach als Filmkulisse und Drehort diente, etwa in „Die schwarzen Brüder“ von Xavier Koller aus dem Jahr 2013.

Das Bavonatal bietet großartige Naturschauspiele wie den 110 Meter hohen Wasserfall „Cascata di Foroglio“

In letzter Zeit haben sich immer mehr Künstler – zumindest temporär - in Foroglio niedergelassen und stellen ihre Werke im Sommer auch im Freien aus. Dennoch ist der Weiler anders als etwa Ascona kein eigentliches Künstlerdorf, jedoch inspiriert es aufgrund seiner Ursprünglichkeit zahlreiche Maler, Fotografen und Bildhauer. Gelegentlich finden kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen im Dorf statt.

Handwerkliche Kulinarik auf hohem Niveau im „La Froda

Unbedingt einplanen sollte man den Besuch des „Ristorante La Froda“, in dem mit klarer Ausrichtung an der kulinarischen Tradition des Alpenraums gekocht wird. Es besteht seit 1928, als Leonardo Solaro, ein Professor aus Cavergno, beschloss, mit seiner Frau Cesarina ein Rustico in eine Gastwirtschaft umzubauen. Seit nunmehr über zwanzig Jahren setzt die Gastgeberfamilie Giovanettina auf eine „einfache“ Küche auf hohem Niveau. Geschätzt wird das Restaurant insbesondere für seine Salami („mazza“), für die Lebermortadella und „Codighe“ (Schweinswürste) aus eigener Produktion, die nach einem alten Familienrezept hergestellt werden. Dazu kommen Produkte wie Coppa, Speck, Bauchspeck, Rohschinken, Trockenfleisch, die den klassischen „affettato“ (Aufschnitt) bilden.

Stets stehen heimische Produkte im Mittelpunkt. Dazu gehören auch vorzügliche Käsesorten wie gereifter und frischer Käse aus Kuh- und Ziegenmilch von der Alp Vallmaggia, die „formaggelle“, ein junger Käse aus der Region, die „formaggini“(Frischkäse) und gesalzener „mascarpa“, wie im Tessin der Ricotta bezeichnet wird.

Wir ließen uns einen vorzüglichen gemischten Brotzeitteller munden, von dem wir heute noch ins Schwärmen geraten. Aufgrund des für gewöhnlich großen Andrangs empfiehlt sich eine telefonische Reservierung.

Wanderungen vom Dorf aus

Foroglio ist auch ein beliebter Ausgangspunkt für verschiedene Bergtouren. Über eine steile Treppe entlang des tosenden Wasserfalls erreicht man im Hochtal „Val Calnègia“ mit Punid eine erste Alp mit blühenden Wiesen, einer Bogenbrücke und einem dahinplätschernden Bach. Herrlich Impressionen zeigt dieser Film:

https://www.youtube.com/watch?v=QWLiNNa0qIE

Die zweite Alp, Gerra, wird als Weide für Mutterkühe und Ziegen genutzt. Die weiß-rot markierte Route durchquert hier eine abwechslungsreiche Landschaft mit Wald, Wiesen, Felsen und Bächen. Calnègia, die dritte Alp, ist durch traditionelle Hütten geprägt und bildet schließlich den Talabschluss.

Links:

Herrliche Impressionen:

https://www.ascona-locarno.com/de/entdecken/vallemaggia/valle-bavona

Fünf Orte im Bavonatal: https://www.ticino.ch/de/travel-inspirations/top-5-bavona.html

Wanderungen: https://www.ticinotopten.ch/de/wanderungen/bavonatal-tessin

Unterkünfte in den Rustici:

https://www.ticino.ch/de/inspirations/experiences/rustico-bavona-valley.html

Beitrag in unserem Partnermedium „Bergparadiese“, in dem u.a. über Foroglio berichtet wird: https://bergparadiese.de/8-erfrischende-wanderungen-im-tessin

Urlaub im Tessin: https://www.ticino.ch/de/

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