Rom 1986: Als Reaktion auf die Eröffnung einer Fast-Food-Filiale auf der Piazza Navona stellen Journalisten unweit der Spanischen Treppe einen langen Tisch auf und servieren dort traditionelle landestypische Speisen. Die aufsehenerregende Aktion weckte das Bewusstsein der Italiener für ihr kulinarisches Erbe und führte schließlich zur Gründung der globalen Bewegung Slow Food.
Was zunächst als Protest gegen uniformes Essen begann, hat sich seit 1989 zu einer Gemeinschaft entwickelt, die heute in über 160 Ländern mit Millionen von Menschen aktiv ist und sich für gutes, faires Essen und umweltverträgliche Landwirtschaft einsetzt.

Weltweites Engagement im Zeichen der Schnecke
Slow Food Deutschland
In Deutschland engagieren sich inzwischen rund 10 000 Menschen in etwa 80 Ortsgruppen, den sogenannten „Convivien“, mit dem Ziel, durch Initiativen und Veranstaltungen die regionale Esskultur zu bewahren. Sie setzen sich für Lebensmittel ein, die gut schmecken, umweltverträglich hergestellt und fair produziert und gehandelt werden. Auf dem „Markt des guten Geschmacks“ in Stuttgart wird die beeindruckende Vielfalt regionaler Spezialitäten sichtbar. Mit dieser jährlich stattfindenden Messe hat Slow Food Deutschland einen Treffpunkt für Genießer etabliert, die sich für handwerklich und hochqualitativ erzeugte Lebensmittel interessieren, mit der Möglichkeit, mit den über 500 Ausstellern ins Gespräch zu kommen. Und sie nutzen die Gelegenheit, regionale Spezialitäten zu kosten.

In der „Slow Food Chef Alliance“ arbeiten Köchinnen und Köche eng mit Landwirten, Züchtern, Fischern, Winzern und Lebensmittelhandwerkern zusammen, um lokale Esskulturen und Traditionen lebendig zu erhalten. Sie kaufen bei regionalen Erzeugern ein und verwenden getreu dem Motto from „Nose to Tail“ bzw. „Leaf to Root“ möglichst alle Teile von Lebensmitteln.
Politisches Engagement und Bildungsinitiativen
Mit Projekten, Aktionen und Kampagnen stärkt Slow Food die bäuerlich-ökologische Landwirtschaft und fördert die Wertschätzung für Lebensmittel sowie für die biologische und kulinarische Vielfalt. Ziel des politischen Engagements, auf Bundes- sowie auf EU-Ebene, ist es, ein sozial und ökologisch verantwortungsvolles Lebensmittelsystem zu etablieren, das regionale Wirtschaftskreisläufe stärkt, Verschwendung vermeidet und Mensch und Tier, Umwelt und Klima schützt.
Ganzheitliche Bildung findet nach dem Prinzip des großen Gelehrten Johann Heinrich Pestalozzi nur statt, wenn zugleich Herz, Kopf und Hand des Menschen angesprochen werden. Und der Geschmacksinn, möchte man im Sinne der Slow Food Bewegung ergänzen. Entsprechend vermitteln die Bildungsprojekte von Slow Food Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Genusserlebnisse und Wissen handlungsorientiert und alltagsnah. Sie kommen mit Experten aus Theorie und Praxis auf Höfen, in Kitas, Schulen, Freizeiteinrichtungen, Küchen und Backstuben sowie bei Veranstaltungen zusammen und erleben, wie eine für Mensch und Planet gesunde Ernährung gelingt und schmeckt.

Im Projekt „Green Spoons“, in dem Lehrmaterial für den Unterricht entwickelt wird, erfahren Schüler spielerisch mittels Podcasts, Videos, Experimenten, Rezepten, Quizzen und Spielen Wissenswertes über das Thema Biodiversität und Ernährung. Gemeinsam mit Fachleuten werden für Lehrkräfte Module zu den Themen Boden, Wasser und Klima entwickelt. Die interaktive Wissensdatenbank „Slowpedia“ informiert vor allem junge Menschen über verschiedene Lebensmittelgruppen wie Fleisch, Obst, Gemüse und Getreide. Die „Slow Food Youth Akademie“ macht Nachwuchskräfte u. a. aus der Gastronomie, der Landwirtschaft, dem Lebensmittelhandwerk und -handel zu klugen Changemakern.
Der „Slow Food Genussführer“, ein auch als App erhältlicher Restaurantführer, empfiehlt Lokale, in denen saisonal und regional gekocht wird – ohne künstliche Zusätze und mit nachvollziehbaren Bezugsquellen.

Projekte zum Erhalt der Agro-Biodiversität
Die „Arche des Geschmacks“, ein Projekt der Slow Food Stiftung für Biodiversität, schützt weltweit alte Nutztierrassen, Kulturpflanzen und überlieferte Zubereitungsarten vor dem Vergessen. In einer Zeit, in der das Lebensmittelsystem zunehmend auf Effizienz und Massenproduktion ausgerichtet ist, gelten viele dieser Produkte als unrentabel oder sind einfach aus der Mode gekommen.
Regionale Arche-Sorten aus Deutschland: Luikenapfel, Ermstäler Knorpelkirsche, Palmischbirne Ismaninger Kraut
Angesichts des weltweiten Verlusts biokultureller Vielfalt sind Projekte wie dieses von unschätzbarem Wert. Über 6500 Produkte, sogenannte „Arche-Passagiere“, haben bis zum Frühjahr 2025 weltweit einen Platz gefunden, in Deutschland sind es derzeit knapp 100. Die Arche-Produkte stehen für nachhaltige Landwirtschaft, fruchtbare Böden, lebendige Kulturlandschaften und das Wissen um traditionelle Praktiken.
„Wir möchten das Bewusstsein schärfen, dass gutes Essen immer mit Landschaft, Biodiversität und Handwerk verbunden ist. Wir machen diese Zusammenhänge sichtbar.“
Dr. Rupert Ebner, Vorsitzender von Slow Food Deutschland e.V.

Das Netzwerk „Slow Food Gardens“ in Afrika setzt sich für die Förderung der biologischen Vielfalt, die Würdigung traditionellen Wissens und die Unterstützung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft auf dem gesamten Kontinent ein. Diese Initiative ist durch ihr Engagement für die Einrichtung guter und fairer Lebensmittelgärten in Schulen und Gemeinden in ganz Afrika ein Leuchtturm der Hoffnung.

Rebstock-Patenschaften
Mit einer Rebstock-Patenschaft, einem Projekt von Slow Food Deutschland, engagieren sich Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt biologischer Vielfalt und einer einzigartigen Kulturlandschaft. In den Mosel-Steillagen wachsen dort bis zu 200 Jahre alte Riesling-Rebstöcke in traditioneller Einzelpfahlerziehung – ein lebendiges Kulturerbe.

Steillagen gelten als Juwelen der deutschen Weinkultur, sind jedoch aufgrund ihrer Hanglage besonders mühsam zu bewirtschaften.
Durch Rebstock-Patenschaften erhalten Winzer Unterstützung, ihren Steillagen-Riesling weiterhin zu pflegen und zu produzieren. Dieser Wein steht für unverwechselbare Qualität: ein Kulturgut, das bis heute nach traditionellen Verfahren hergestellt wird – ausschließlich mechanisch geklärt und ohne Eiweißschönung.
Slow Food Travel
Im österreichischen Bundesland Kärnten wurde die erste offizielle „Slow Food Travel“-Region der Welt ins Leben gerufen. Dieses Genießer-Paradies entstand durch den Zusammenschluss von engagierten Partnern, die sich der ursprünglichen Kulinarik der Region Alpe Adria verschrieben haben. Touristen können zahlreiche Erzeuger und Lebensmittelhandwerker besuchen und ihnen zusehen, wie Spezialitäten wie etwa das typische Lesachtaler Sauerteigbrot oder wie der Arche-Passagier Gailtaler Almkäse aus Rohmilch hergestellt werden. Und sie können sogar zusammen mit verschiedenen lokalen Köchen traditionelle Gerichte zubereiten. In einem gesonderten Beitrag gehen wir näher auf die Slow Food Travel Region Alpe Adria ein (siehe Link unten).

Slow Food Travel ist jedoch nicht nur eine Attraktion für Touristen, die Wert auf nachhaltigen Genuss und bewussten Umgang mit der Natur legen. Das Netzwerk hat auch eine wichtige Bedeutung für die heimische Bevölkerung, denn alte Traditionen sollten auch bei den Menschen vor Ort nicht in Vergessenheit geraten.
Weitere Slow Food Travel Regionen befinden sich inzwischen in Italien, Saudi Arabien, Aserbaidschan und Philippinen.
Lesen Sie über die Slow Food Travel Region Alpe Adria unseren gesonderten Beitrag unter:
https://www.touremo.com/slow-food-travel-alpe-adria-karnten-urlaub-im-zeichen-der-schnecke

Link zur Vorbestellung des Genussführers:
https://www.oekom.de/buch/slow-food-genussfuehrer-2027-28-9783987265303



