11 Tipps für mehr Reichweite

352 Kilometer Reichweite schafften E-Autos in Deutschland im Jahr 2020 durchschnittlich. Das ist etwas weniger als ein Jahr davor, was auf das nunmehr größere Angebot an kleineren E-Autos mit mittlerer Reichweite zurückzuführen ist. Die Autos mit der größten Reichweite produziert Tesla, so kommt ein Tesla Model S oder 3 auf fast 600 Kilometer laut WLTP. Die deutschen Hersteller holen zwar stark auf, aber der Blick der Fahrer wandert dennoch viel zu häufig zur Restkilometeranzeige. Auch wenn die Technik diesbezüglich große Fortschritte macht, sollten Sie einige Tipps befolgen, die die Reichweite deutlich erhöhen können. Dies ist vor allem dann von Bedeutung, wenn Sie privat oder beruflich eine längere Fahrt planen.

WLTP

So wird die Reichweite von E-Autos gemessen

Die EU hat 2017 ein neues Messverfahren für Emissionen und Verbrauch eingeführt, das sogenannte WLTP (Worldwide harmonized Light Duty Test Procedure). Es sollte realistischere Angaben für den Verbrauch liefern als das Vorgängermessverfahren (NEFZ). Mit vollgeladener Batterie wird bei einer Testtemperatur von 23 Grad (die in der EU um einen Test bei 14 Grad ergänzt wird) auf einer Strecke von rund 23 Kilometern bzw. rund 30 Minuten lang der Verbrauch unter diversen Bedingungen ermittelt: in der Stadt (Durchschnittsgeschwindigkeit ohne Stopps ca. 26 km/h), auf Überlandstraßen (ca. 45 km/h), auf Schnellstraßen (ca. 61 km/h und auf Autobahnen (ca. 94 km/h). Die mittlere Geschwindigkeit beträgt allerdings nur 47 km/h und die Höchstgeschwindigkeit gerade einmal 131 km/h. Außerdem wird von 0 auf 60 km/h in gemächlichen 10,4 Sekunden beschleunigt, was – wie jeder E-Auto-Fahrer bestätigen kann – ein recht unrealistischer Wert ist. Dies hat zur Folge, dass WLTP zwar näher am tatsächlichen Verbrauch ist, aber immer noch weit weg von realistischen Werten. Vor allem bei niedrigen oder sehr hohen Außentemperaturen und Fahrten mit vielen Steigungen ist es nicht einmal annähernd möglich, die WLTP-Werte zu erreichen.

1. Mit rund 90 km/h unterwegs sein

Wie bei Verbrennerfahrzeugen gilt auch bei E-Autos, dass sich eine hohe Geschwindigkeit negativ auf die Reichweite auswirkt. Wenn Sie den Kasten „So wird die Reichweite von E-Autos gemessen“ lesen, werden Sie feststellen, dass WLTP nach wie vor ein meist theoretischer Wert, der in der Praxis kaum erzielt werden kann. Je näher man sich aber an die Testbedingungen bei WLTP hält, desto eher schafft man diese Reichweite. Als reichweitensteigernd hat sich bei diversen Tests eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 km/h erwiesen, was auf Autobahnen schon eher ein No-Go ist. Aber auch wer auf Autobahnen statt 130 km/h nur 110 km/h fährt, spart viel Reichweite.

Diverse Tests belegen, dass Sie mit einer mittleren Geschwindigkeit von rund 90 km/h die größte Reichweite erzielen.

Natürlich sind auch starkes Beschleunigen, häufige Kurzstrecken und Steigungsfahrten sowie eine hohe Grundgeschwindigkeit einer hohen Reichweite nicht zuträglich. Und vorausschauendes Fahren senkt selbstverständlich auch beim E-Auto den Verbrauch.

2. Die 80 zu 20 Regel beachten

Wie auch bei den Akkus eines Smartphones, sollte der Ladestand bei den Lithium-Ionen- Batterien eines E-Autos in einer Spanne zwischen 20 und 80 Prozent liegen. Das heißt, Sie sollten Ihren Stromer nur dann voll aufladen, wenn Sie eine längere Tour planen. Ständiges Aufladen auf 100 Prozent lässt den Akku schnell altern, dasselbe gilt für die Untergrenze von 20 Prozent. Diese regelmäßig zu unterschreiten, ist aber ohnehin zu nervenzerrend.

3. Schnellladungen vermeiden

„Ich kann mein E-Auto in 30 Minuten voll aufladen!“ Diesen stolzen Spruch hört man nicht selten. Tatsächlich ist dies mit sogenannten Schnellladern oder Super-Chargern möglich, allerdings sollte man wissen, dass das Schnellladen der Batterie gar nicht gut bekommt, man sollte es also möglichst sparsam einsetzen. Wenn man schon auf Schnelllader zurückgreifen muss, dann sollte man den Akku nur bis 80 Prozent aufladen, das Laden der restlichen 20 Prozent dauert fast ebenso lange. Wichtig zu wissen: Es gibt E-Fahrzeuge mit einer speziellen Batterie, die stets auf 100% aufgeladen werden sollte (z.B. bestimmte Tesla Model 3 mit Standard-Reichweite Plus).

Ständiges Schnellladen lässt die Batterie schnell altern. Gehen Sie sparsam damit um.

4. Gemäßigtes Klima beim Parken bevorzugen

Wer die Möglichkeit hat, sollte sein E-Auto zum Parken in die Garage stellen und es nicht bei extremen Temperaturen im Freien stehen lassen. Die Temperatur von Hochspannungsbatterien liegt immer innerhalb optimaler Grenzen, selbst wenn das Fahrzeug nicht in Betrieb ist. Sie müssen sich also nicht wundern, wenn der Kompressor auch im geparkten Zustand noch läuft. Diese Betriebszeit lässt sich mit Temperaturen im Bereich von 15 bis 25 Grad beim Parken deutlich verringern.

5. Auto am Ladeplatz angeschlossen lassen

Sie fahren selbstverständlich nicht gleich wieder zur Tankstelle, wenn Sie mit vollem Tank 50 km gefahren sind. Aber Sie sollten Ihr E-Auto selbst nach kurzen Strecken wieder ans Netz hängen. Eine regelmäßige, tägliche Laderoutine ist allerdings nur mit einem Niederspannungs-Ladegerät zu empfehlen.  Bei niedrigen Temperaturen ist es zum Beispiel durchaus sinnvoll, die Batterie gleich nach der Fahrt zu laden, weil sie dann noch warm ist. Sie sollten übrigens den Ladevorgang erst beenden, wenn Sie losfahren. Idealerweise planen Sie Ihre Abfahrt über eine App oder den Bordcomputer. Dann kann der Akku vorklimatisiert werden, während er noch am Netz hängt.

Eine tägliche Laderoutine ist empfehlenswert, allerdings nur mit Niederspannugsladegeräten.

6. Fahrmodus anpassen

Selbstverständlich wirkt sich auch der Fahrmodus auf die Reichweite aus. Nicht nur Ihr persönlicher, sondern auch jener des E-Autos. Jeder Stromer hat zumindest zwei Fahrmodi aufzuweisen. Beim Tesla Model 3 heißen Sie „Lässig“ und „Standard“, anderswo „Eco“, „Eco+“, „Comfort“ oder „Sport“. Wer Reichweite steigern möchte, sollte mit dem sparsamsten Modus unterwegs sein. Dabei wird nämlich die Leistung auf bestimmte Kilowatt begrenzt, was vor allem im Stadtverkehr keinen Nachteil, aber dafür mehr Reichweite bringt.

7. Rekuperativ bremsen

Sie sollten unbedingt bei Ihrem Stromer die Rekuperation aktivieren. Beim Bremsen bzw. starken Verringern der Geschwindigkeit wird nämlich Energie freigesetzt, die dann wieder in die Batterie rückgespeist wird. Einerseits ist durch diese Technik das Betätigen des Bremspedals beinahe überflüssig – das Auto bremst ab, sobald man den Fuß vom Gas nimmt – andererseits holt man dadurch ein paar Extrakilometer heraus. Dass dies nicht unbedeutend ist, werden Sie spätestens erkennen, wenn Sie mal eine Passstraße bergabfahren. Da kann es durchaus vorkommen, dass die Reichweite plötzlich 20 km größer ist als auf der Passhöhe. Allerdings haben Sie ziemlich sicher zuvor an die 30 km Reichweite für das Erklimmen des Passes benötigt. Dennoch: Wer ohne Rekuperation den Pass runterfährt, verzichtet auf diese 20 km.

8. Klimatisierung vermeiden

Sie sollten hohe Heizungs- und Klimaanlagenlasten vermeiden. Günstiger für die Reichweite ist es, wenn Sie stattdessen die Lenkrad- und Sitzheizung verwenden, um den Innenraum ein wenig aufzuwärmen. Das Vorklimatisieren per App sollten Sie bei extremen Temperaturen nur machen, wenn das Auto am Netz hängt.

9. Reifendruck regelmäßig prüfen

Wie bei Verbrennen gilt auch bei E-Autos: Zu geringer Reifendruck steigert den Rollwiderstand und somit den Verbrauch. Wenn der Reifendruck nur um 0,5 bar sinkt, erhöht dies den Stromverbrauch bereits um rund 5 Prozent. In diesem Zusammenhang sollte auch erwähnt werden, dass große Räder die Reichweite reduzieren. Blogger Jason Fenske aus den USA hat sich mit dieser Thematik beschäftigt und einen 15 Prozent höheren Stromverbrauch gemessen, wenn man von 18 Zoll-Felgen auf 20 Zoll große wechselt. Der Grund ist die höhere Zentrifugalkraft, die das Gewicht von größeren Felgen mit sich bringt. Und nicht zuletzt verursachen auch breite Reifen mehr Rollwiderstand.

0,5 bar zu wenig Reifendruck entspricht einem Energiemehrverbrauch von rund 5%.

10. Unnötige Zuladung vermeiden

Dieser Tipp mag trivial klingen. Wer lädt schon mehr als nötig in sein Auto? Die Frage sollten wir anders stellen. Wer hat nicht mehr geladen als nötig? Durchforsten Sie mal Ihren Kofferraum? Vielleicht finden Sie dabei den einen oder andern Gegenstand, der sich aufgrund seines hohen Gewichts nicht unerheblich auf den Verbrauch auswirkt und schon längere Zeit dort liegt. Wieso sollten Sie den vor kurzem gekauften Kasten Bier im Auto spazieren fahren? 

11. Luftwiderstand vermeiden

Heckgepäckträger sollten Sie unbedingt abmontieren, wenn sie über längere Zeit nicht benötigt werden.

Wenn der Dach- oder der Heckgepäckträger nicht verwendet werden, sollten Sie ihn abmontieren. Er steigert den Luftwiderstand deutlich, wobei die Dachvariante im Verhältnis zu Heckvariante noch viel schlechter abschneidet. Fahrräder auf dem Dach steigern den Verbrauch um beinahe 40, wenn man Sie am Heck montiert, nur noch um rund 20 Prozent. Dies gilt für Verbrenner wie für Stromer.

Sie können auch Ihr Fahrzeug tiefer legen, um den Luftwiderstand zu reduzieren. Das Model S von Tesla hat sogar ein Luftfahrwerk, das sich z.B. auf Autobahnen absenken lässt. Aber Sie können Ihr Auto selbstverständlich auch dauerhaft tiefer legen. Sie sparen dann zwar an Reichweite, müssen allerdings beim Parken etwas vorsichtiger sein.

Text: Harald Gutzelnig / electricar
Bilder: Shutterstock, Aufmacherbild Hyundai, Bild 1 Ford

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