Die Bio-Lebensmittelbranche wird e-mobil

Längst haben die meisten Biofood-Unternehmen vorausschauend gehandelt und ihre Energieversorgung auf Ökostrom umgestellt. Vielfach selbst erzeugt, teils eingekauft. Jetzt gehen immer mehr Akteure den logisch nächsten Schritt und stellen ihre Fahrzeugflotten Zug um Zug auf „Stromer“ um.

Eine Befragung zum Thema Elektromobilität hätte noch vor fünf Jahren bei den meisten Unternehmen Schulterzucken ausgelöst. Seither hat sich viel getan, kamen immer mehr alltagstaugliche E-Autos auf den Markt und auch die Ladeinfrastruktur wurde allmählich ausgebaut. Und wer, wenn nicht Betriebe, die sich explizit der Nachhaltigkeit verschrieben haben und zudem Öko-Produkte anbieten, sollten allein aus Gründen der ökologischen Glaubwürdigkeit bei der Etablierung der E-Mobilität eine Vorreiterrolle spielen? Wie unsere Beispiele aus der Bio-Lebensmittelbranche zeigen, ist das Thema inzwischen tatsächlich bei immer mehr Firmen angekommen.

E-Bikes für Mitarbeiterinnen und Kunden

Viele Arbeitgeber, auch aus der Biofood-Branche, bieten Ihren Angestellten schon länger die Möglichkeit, in Kooperation mit spezialisierten Anbietern zu günstigen Konditionen Fahrräder und E-Bikes zu leasen. Diese Dienstrad-Offerte wird von der Belegschaft in der Regel gut angenommen wie etwa das Beispiel der (Bio-)Milchwerke Berchtesgadener Land zeigt, wo bereits über 100 E-Bikes von Mitarbeiterinnen für den Arbeitsweg und die Privatnutzung eingesetzt werden. 

Der Bio-Händler Alnatura geht noch einen Schritt weiter und bietet seit 2018 seinen Kunden Anreize, größere Einkäufe ohne Auto zu erledigen. Dafür stehen an etlichen Filialen Lastenräder kostenlos zum Ausleihen zur Verfügung. Dieses Angebot wird in Kooperation mit  regionalen Lastenrad-Initiativen und Verkehrsverbänden organisiert. Aktuell sind über 60 Lastenräder in 50 Märkten in 14 Städten in Deutschland im Einsatz, bei der Hälfte handelt es sich um elektrische Transportbikes. 

Kunden von Alnatura können in vielen Filialen (E-)Lastenräder kostenlos ausleihen

Auch bei Rapunzel Naturkost im bayerischen Legau verfolgt man das Ziel, Besucherinnen der neuen „Rapunzel Welt“ anzuregen, den Weg dorthin statt mit dem Auto, umweltfreundlich mit dem Rad zurückzulegen. Daher wird es für die E-Bikes künftig an der Nordseite des Parkhauses Ladenmöglichkeiten für 20 Pedelecs geben.

Ladeinfrastruktur als wichtige Voraussetzung

Wer den PKW-Fuhrpark elektrifiziert und auch seinen e-mobil anreisenden Gästen einen willkommenen Service anbieten möchte, sollte sich beizeiten um die Installation von Ladesäulen oder Wallboxen kümmern. Wie unsere Anfrage bei Unternehmen der Bio-Lebensmittelbranche ergab, begnügt man sich zunächst meist mit wenigen Ladepunkten und baut dann die Charger-Infrastruktur analog zur sukzessiven Umstellung auf E-Fahrzeuge aus. Ein Beispiel für dieses Vorgehen liefert die Byodo Naturkost GmbH am Firmensitz in Mühldorf am Inn, die im Herbst letzten Jahres ihre betriebsinterne Lade-Infrastruktur um weitere, klimaneutral produzierte, Charger ergänzte. Somit stehen für Dienst-Stromer nun 16 neue Lademöglichkeiten zur Verfügung. Diese bieten eine Leistung von 22 KW, wodurch vollelektrische Fahrzeuge in rund 4 Stunden fast vollständig geladen werden können. 

Ein großer CO2-Faktor war bisher die Anfahrt der Mitarbeiter*innen mit Dienstwagen. Daher haben wir uns entschieden, die Nachhaltigkeit auch im Bereich Mobilität ausbauen, um unseren CO2-Fußabdruck weiter zu reduzieren

so Byodo Geschäftsführerin Stephanie Moßbacher.

Während die neugebauten E-Ladesäulen ausschließlich für die Byodo Dienstwagen vorgesehen sind, bietet das Unternehmen am Parkplatz des firmeneigenen Bioladens Feinsinn auch öffentliche Charger an. Für Kundinnen des Bioladens ist das „Stromtanken“ sogar kostenlos, sie können die Ladesäulen mit ihrer Feinsinn Kundenkarte freischalten. Auch bei anderen Unternehmen wie dem Bio-Getränkeproduzenten Neumarkter Lammsbräu können Gäste an sechs Ladepunkten ihr Fahrzeug aufladen, nämlich ganz einfach über eine Gästekarte, welche beim Empfang hinterlegt ist.

Auch beim Neumarkter Lammsbräu schreitet die E-Mobilisierung voran

Auf dem Weg zum klimafreundlichen Fuhrpark

Bei Byodo sind bereits 75 Prozent der Betriebsfahrzeuge reine Stromer, auch beim Neumarkter Lammsbräu schreitet die E-Mobilisierung voran. Mittlerweile zählen sieben E-Autos und zwei Hybride zur Dienstwagenflotte, wobei eine 100-prozentige „Elektrifizierung“ innerhalb der nächsten sechs Jahre angestrebt wird. Vorausgegangen war eine ausführliche Prüfung aller aktuell am Markt verfügbaren Alternativen durch das firmeninterne Nachhaltigkeitsmanagement. Die Nutzer der elektrischen Dienstwagen werden bei der Anschaffung einer eigenen Wallbox im privaten Umfeld finanziell unterstützt, was jedoch an einen 100% Bezug von Öko-Strom im Privatbereich gekoppelt ist. Alle Mitarbeiterinnen können ihr privates E-Auto auf dem Betriebsparkplatz zu einem vergünstigten Tarif mit 100 Prozent Ökostrom laden. 

Zweifellos ein Vorreiter beim Einsatz von Elektroautos ist die Andechser Bio-Molkerei Scheitz. Hier kamen schon 2014, also lange bevor die E-Mobilität richtig Fahrt aufnahm,  Mitarbeiter in den Genuss betriebseigene Stromer fahren zu können. 

Ein wahrer eMobility-Pionier ist auch der steirische Bioschokoladenfabrikant Josef Zotter, der bereits Ende der 1990er Jahre einen der damals noch raren Elektroautos, einen Citroën Saxo Electrique, fuhr. Heute gehören neun Stromer zum firmeneigenen Fuhrpark.

Josef Zotter mit seinem Kleintransporter „Stromzutzler“ 

Andere Bio-Betriebe stehen noch am Anfang, betrachten jedoch die Implementierung der E-Mobilität als ein wichtiges Element ihrer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie bzw. ihrer Bestrebungen zur Erlangung der Klimaneutralität. Wie etwa das Riedenburger Brauhaus, dessen Geschäftsführer Maximilian Krieger selbst schon länger elektrisch unterwegs ist. Nur logisch, dass nun auch die ersten Stromer für den Außendienst bestellt wurden, die im Laufe des Frühjahrs geliefert werden.

Die österreichische Biokräuter Handelsgesellschaft Sonnentor verfügt derweil bereits über eine langjährige Expertise beim Einsatz elektrisch angetriebener Fahrzeugen im PKW-Bereich, die in den passenden Anwendungsbereichen ausgezeichnet funktionieren. Seit Mitte 2022 erfolgt nun als logische Konsequenz der guten Erfahrungen sogar die Werkslogistik und die Abholung der Rohstoffe bei den drei Ursprungsbauern sowie die Belieferung eines eigenen Geschäfts emissionsfrei und geräuscharm – mit einem voll-elektrischen 16 Tonner-LKW. 

Noch eine Besonderheit: Einsatz eines E-Truck im Lieferverkehr wie hier bei Sonnentor

Gerhard Leutgeb, Geschäftsführer von Sonnentor erklärt dazu:

„Jetzt können wir die Kräuter in der Region klimafreundlich transportieren, bei 35.000 km pro Jahr, sparen wir somit ganze 7000 Liter Diesel. Das entspricht 22 Tonnen CO2eq.“

Echte Null-Emissionsmobilität durch Ökostrom

Erst durch den Einsatz von Ladestrom aus regenerativen Quellen fahren E-Autos nicht nur lokal emissionsfrei. Was den Einsatz von Ökostrom betrifft, erbrachte unsere selektive Branchen-Abfrage ein durchwegs erfreuliches Ergebnis. Alle angesprochenen Betriebe verwenden ausschließlich „grünen“ Ladestrom. 

Der Anteil des selbst z.B. über Photovoltaik-Anlagen produzierten Stroms reicht dabei von 3 Prozent bis hin zu 100 Prozent wie bei Rapunzel, wo sämtliche Dachflächen am Firmensitz und am Logistikzentrum mit Solarmodulen ausgestattet sind. Ergänzt wird die Energiegewinnung durch Blockheizkraftwerke, die zusätzlich Strom und gleichzeitig Wärme produzieren. In den meisten Fällen wird der nicht selbsterzeuge Strom durch den Zukauf von Ökostrom ergänzt. Somit kann man die Bio-Lebensmittelbetriebe durchaus als vorbildhaft für andere Branchen bezeichnen. Jedenfalls was ihre Klimaschutzaktivitäten betrifft. Und dabei spielt eine umweltfreundliche Mobilität eine gewichtige Rolle.

Text: Peter Grett
Bilder:
Aufmacher: Andechser Molkerei Scheitz GmbH
Lasten-E-Bike: Alnatura, Fotograf: Stefan Daub
Zotter: Lutz Dürichen
E-LKW: Sonnentor
Bild Lammsbräu: Neumarkter Lammsbräu

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